30.11.2008|11:40 Uhr|RE8 MG-Hbf – Köln Hbf

By doppeldecker

Der erste Schnee ist schon dahingeschmolzen und hinterlässt nur graubraun, feuchtmatschigen Boden. Der Himmel ist in einem einheitlich trüben Hellgrau verhangen. Ein dicht gewebter Wolkenteppich, der uns die Sonne nicht einmal erahnen lässt. Es wird sicher bald wieder regnen.

Ich mag dieses Wetter, vor allem wenn ich es durch ein Fenster betrachten kann und nicht unbedingt hinaus in die kühle, feuchte Stadt muss. Auch im Zug sitzen ist bei diesem Wetter angenehm. Musik hören und dabei die einzelnen Regentropfen am Fenster beobachten. Doch nicht jeder scheint das so zu sehen wie ich. Manchen schlägt der Herbst trotz seiner bunten Farben regelrecht aufs Gemüt. Diesen Menschen kann man das meist sogar sehr gut ansehen. Sie versuchen ihre Laune gar nicht erst zu verbergen. So auch die ältere Dame, die mir im Zug schräg gegenüber sitzt und missmutig aus dem Fenster starrt.

Die einzelnen kleinen Falten in ihrem Gesicht ziehen sich zu einigen tiefen Furchen zusammen. Besonders die tiefen Abgründe die sich auf ihrer Stirn zwischen ihren Augen bilden fallen besonders auf. Sie hat die linke Hand auf den rechten Arm gelegt als müsse sie sich an ihm festhalten. Ist es vielleicht doch nicht das Wetter, das ihre momentane Stimmung verschuldet? Fehlt ihr Halt? Vielleicht ist sie eine von den älteren Personen, die niemanden mehr haben und den Rest ihres Lebens einsam und allein bestreiten müssen. Ist sie traurig über die Lage, die ihr das Leben in ihrem Herbst beschert hat? Womöglich hat sie sich schon längst damit abgefunden und ihre Situation macht sich nur noch gelegentlich in kurzzeitigen Verbitterungen bemerkbar. Sicher macht sie sich gerade auf zu ihrem einmal im Jahr stattfindenden Besuch bei Sohn und Enkelkindern.

Sie ist verärgert, weil Thomas sich sonst das ganze Jahr nicht meldet. Er ist ihr einziges Kind. Die Enkelkinder sind auch schon fast erwachsen, doch auch sie kümmern sich nicht um ihre alte Oma Martha. Jedenfalls nicht, so lange der Umschlag mit dem Geld zu ihren Geburtstagen rechtzeitig eintrifft. Dem Geld, das sie sich mühsam von der Rente abgespart hat.

Einmal im Jahr packt Martha ihren kleinen braunen Koffer und schleppt ihn unter Anstrengungen zum Bahnhof. Wenn sie Glück hat hilft ihr ein netter Herr dabei, ihn die Treppe zum Gleis hinauf zu schaffen. Dann setzt sie sich in den Zug um dieses eine Mal im Jahr für vier Wochen dieses treulose Pack zu besuchen, das sich ihre Nachkommen nennt. Nur vier Wochen. Nur von Ende November bis Ende Dezember. Nur über Weihnachten, dem Fest an dem man auch mal wieder an die liebe alte Großmutter denkt und sie zu sich einläd. Vor Silvester muss sich Martha jedoch schon wieder auf den Rückweg machen. Denn zu der Zeit fahren Thomas und seine gesamte Familie in den Urlaub um irgendwo in einem teuren Hotel Luxus zu genießen und zwischendurch schick Ski zu fahren. Für Martha ist in einem solchen Wintersportort nur wenig Platz. Dessen wird sie sich jedes Jahr aufs Neue bewusst.

Bald wird sie es auch nicht mehr schaffen, jedes Jahr zu Weichnachten allein quer durch Deutschland zu reisen. Dann wird sie die Feiertage allein in ihrer kleinen Wohnung zubringen und hoffen, dass wenigstens die Nachbarin, die ihr immer die Einkäufe besorgt, auf einen kurzen Kaffee mit selbstgebackenen Plätzchen vorbeikommt. Nur wird das nie passieren. Dass weiß sie leider sicher, denn Linda, ihre Nachbarin, fährt jedes zu Weihnachten mit der gesamten Familie ihre Eltern besuchen, um diesen nicht die lange Reise zuzumuten. Nur an Martha denkt niemand.

Wirklich niemand? Ich war so in mein Mitleid zu dieser älteren Dame versunken, die ich Martha getauft habe und gar nicht kenne, dass mir gar nicht auffiel, wie ihr trüber Blick aufklarte und fast eine Spur von Freude widerspiegelte. Vorfreude wie ich nun weiß. Gerade steigt sie aus dem Zug und wird am Bahnsteig von einem älteren Herrn mit strahlendem Lächeln erwartet. Martha ist also doch nicht ganz allein.

12:30 Uhr, Köln Hbf i

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